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Stille Nacht

In über 300 Sprachen und Dialekte übersetzt, ist es wohl das bekannteste Weihnachtslied: Stille Nacht. Seine überlieferte Entstehungsgeschichte ist oft romantisiert worden und daher nicht frei von fiktiven Anekdoten. Tatsächlich angefangen hat alles in der kleinen Gemeinde Oberndorf, die bis 1816 zum bayerischen Laufen gehörte, in Folge der napoleonischen Kriege und der Neuordnung Europas im Wiener Kongress allerdings Oberösterreich angegliedert wurde. 1818 verfasste der ansässige Hilfspriester Joseph Mohr ein Gedicht, welches der Schullehrer und Organist Franz Gruber umgehend vertonte. Heilig Abend wurde das Lied dann erstmals in der örtlichen Kirche St. Nicola vorgetragen.

Ganz wesentlich zur Popularisierung trug der Orgelbauer Karl Mauracher bei, der 1825 die Oberndorfer Orgel instand setzte und eine Abschrift des Weihnachtsliedes anfertigte. In seiner Zillertaler Heimat übergab er seine Aufzeichnung der lokal als Sängergruppe bekannten Familie Straßer. Als Handschuhmacher legten die Straßers weite Strecken zurück und machten das Lied so auch überregional bekannt, etwa auf Messen oder Weihnachtsmärkten in Dresden, Köln und Leipzig.

Ein 1833 in Dresden gedrucktes Faltblatt kennzeichnete Stille Nacht irrtümlich als Tiroler Volkslied, weshalb es in der zeitgenössischen Folklorismusbewegung einen wichtigen Multiplikator fand. 1843 wurde es in Gottfried Wilhelm Finks wissenschaftlicher Abhandlung "Musikalischer Hausschatz der Deutschen" thematisiert, 1893 veröffentliche es der Sohn des Volksliedsammlers Ludwig Erk in "Schorers Familienblatt". Spätestens diese Veröffentlichung ebnete den Weg in die weihnachtlichen Wohnzimmer des Bürgertums. Wann jedoch die ursprünglich sechs Strophen auf nur drei gekürzt wurden, ist nicht eindeutig belegt: Die stärker an zentrale biblische Botschaften geknüpften mittleren Strophen (3 - 5) erwiesen sich möglicherweise als nicht ausreichend kompatibel zur bürgerlichen Inszenierung. Auch wird spekuliert, ob die Gleichbehandlung aller Ethnien in der vierten und fünften Strophe vielleicht zeitgenössischen Vorstellungen von Kolonialismus und imperialistischer Politik zuwider lief. Denn auch in der einflussreichen Oberschicht war Stille Nacht schon früh populär, was sich etwa in einem Gesuch der Königlichen Hofkapelle zu Berlin spiegelt: 1854 bat man das Salzburger Benediktinerstift St. Peter um eine Abschrift des vermeintlich von Michael Haydn komponierten Liedes. Im 19. Jahrhundert gehörte es dann bereits zum Standardrepertoire, bildete häufig sogar den Höhepunkt familiärer und betrieblicher Weihnachtsfeiern und erfreute sich auch bei Straßenmusikanten größter Beliebtheit.

Seine Popularität hat auch zur wiederholten Persiflierung angeregt: Schon um 1900 dichtete man es während eines Textilarbeiterstreiks zur Durchsetzung kürzerer Arbeitszeiten um, Boleslaw Strzelewicz machte daraus später ein anklagendes Lied des Klassenkampfes und in Uwe Wandreys 1972 veröffentlichten "Stille Nacht allerseits" spottet Dieter Süverkrüp über die bürgerliche Gesellschaft der Gegenwart. Die immanente Kritik ist deutlich: Während Stille Nacht vielen eine willkommene Einstimmung auf das Weihnachtsfest ist und als Ausdruck familiärer Harmonie gilt, ist es anderen Sinnbild bürgerlicher Bigotterie und postindustriellen Konsumismus.

Stille Nacht, Heilige Nacht
Evangelisches Gesangbuch, Lied. Nr. 46

Stille Nacht, Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute hochheilige Paar,
holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in Himmlischer Ruh
schlaf in himmlischer Ruh

Stille Nacht, Heilige Nacht,
Hirten erst, kund gemacht!
Durch der Engel Halleluja
Tönt es laut von fern und nah:
Christ der Retter ist da,
Christ der Retter ist da!

Stille Nacht, Heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt!

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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23